Willkommen im Gestern

kaoz // 03.02.2006 @ 12:22 // abgelegt in medien, meinungen

Ja, darauf haben wir doch alle gewartet. Nun hat es ein Beitrag aus dem Online-Magazin webwatching bis zu SpOn geschafft. Darin wird Thomas Leif, Vorsitzender der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche und Chefreporter TV beim Südwestfunk in Mainz, zum Thema Blogs und Journalismus befragt. Wie nicht anders zu erwarten, hält er sehr wenig von der Blogosphäre und hält stattdessen das Banner des Journalistentums hoch.

Frage: Herr Leif, als Blogger kann endlich jeder selbst Journalist sein und publizieren, was er für wichtig hält. Sind die Blogger nicht eigentlich echte Graswurzel-Journalisten, die mit dem Standesdünkel der Medienzunft aufräumen?

Thomas Leif: Nicht jeder Blogger ist Journalist. Den meisten Bloggern fehlt jegliches journalistisches Handwerkszeug. Professionelle Journalisten selektieren verschiedene Quellen und analysieren diese anhand von Fachwissen. Sie versuchen, sich bei der Recherche ein möglichst objektives Bild eines Sachverhalts zu schaffen, das unbeeinflusst ist von ihren eigenen sozialen Kontexten und Ansichten. Alle beteiligten Parteien anzuhören, ist unter anderem ein entscheidendes Charakteristikum von professionellem Journalismus. Daran muss man Weblogs messen. Sie sind eben in erster Linie private Online-Tagebücher.

Natürlich ist nicht jeder Blogger Journalist, das wollen viele auch gar nicht sein. Zumindest nicht im althergebrachten Verständnis des Journalismus. Doch vielleicht sollten diejenigen, die in ihrem hohen Elfenbeinturm sitzen, sich langsam damit vertraut machen, daß dieser beginnt von unten zu zerbröckeln. Journalismus in der alten Form hat wunderbar funktioniert, als Medien (und Meinungen) nur konsumiert werden konnten, doch mit den neuen Möglichkeiten von Interaktivität, wie sie zum Beispiel durch das Internet gegeben sind, ist das ganze Gefüge ins Wanken geraten. Und Herr Leif scheint noch nie Boulevardzeitungen oder -sendungen gelesen bzw. gesehen zu haben, denn denen gehen viele der von ihm aufgeführten Eigenschaften eines Journalisten eindeutig ab.

Leif: [...] Die meisten Blogger sind von ihrer Selbstdefinition her viel subjektiver als jeder seriöse Journalist. Während ernsthafte Journalisten zumindest versuchen, objektivierbare Kriterien einzuführen, sind viele Blogs von einer Hypersubjektivität getrieben. Der Blogger stellt seine eigene Person in den Vordergrund. Es handelt sich oft um selbstverliebte Egozentriker, die ihren Mitteilungsdrang befriedigen wollen. Das ist legitim, aber keine journalistische Haltung.

Blogs sind in den meisten Fällen keine Nachrichtendienste im klassischen Sinne, und würden das wohl so auch nie von sich behaupten. Blogs sind meist subjektiv, sie sollen Meinungen wiedergeben, zu Diskussionen anregen. Was hier in der Kritik an Blogs häufig vergessen wird: ein Blog machen m.E. nicht nur die Beiträge des/der Autors/Autoren aus, sondern vielmehr die daraus entstehenden Diskussionen mit den Lesern, die ein vielfältigeres Meinungsbild widerspiegeln als es ein klassisches Medium wie Zeitung oder Fernsehen je könnte. Insofern ist das von Leif als positives Beispiel genannte BILDblog eigentlich genau das falsche Beispiel, da genau diese Diskussionen dort nicht möglich sind. Und daß selbstverliebte Egozentriker nur in der Blogosphäre vorkommen, halte ich für ein Gerücht, davon gibt es auch unter der Journalistenschaft eindeutig genug.

Frage: Halten Sie das Internet generell als Rechercheinstrument für geeignet, wenn eine direkte Prüfung unumgänglich ist?

Leif: Bei der Beantwortung dieser Frage muss man deutlich differenzieren: Sicherlich sind Suchmaschinen ein sinnvolles und praktisches Instrument, aber man darf nicht einzig und allein ihnen Vertrauen schenken. Kein Nutzer weiß beispielsweise genau, nach welcher Systematik Google seine Ergebnisse akzentuiert und ordnet. Hier fehlt es eindeutig an Transparenz und durch diese fehlende Transparenz ist Google hochgradig anfällig für Manipulation und Instrumentalisierung.

Welche Transparenz habe ich denn, wenn ich einen Zeitungsartikel lese oder einen Beitrag im Fernsehen sehe? Woher weiß ich, welchen Quellen der Autor vertraut hat, welche er weggelassen hat? Ist nicht gerade das ein Vorwurf, der auch den klassischen Medien immer wieder gemacht wird? Aktuelles Beispiel dazu ist der mißglückte Merger von Axel Springer mit P7S1. Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich sah erhebliche Gefahren für die Sicherung der Meinungsvielfalt gegeben, wenn der Kauf zustande gekommen wäre. Natürlich vertreten auch klassische Medien Meinungen, vielleicht manchmal weniger auffällig und indirekter als Blogs, aber gerade das macht es doch erst recht gefährlich.

Was mich an der negativen Argumentation der Journalisten in Bezug auf Blogs so stört, ist vor allem die Pauschalisierung beider Seiten: Journalisten sind gut, Blogs sind schlecht. Das ist aber genauso falsch wie das Gegenteil, natürlich sind auch nicht alle Blogger gut und alle Journalisten böse. Es gibt genauso schlechte Blogger, wie es auch schlechte Journalisten gibt. Und auf beiden Seiten finden sich herausragende Vertreter, die das, was sie tun ernstnehmen und gewissenhaft vorgehen. Auch wenn Blogger dabei nicht die Neutralität für sich beanspruchen müssen, die vielfach von ihnen verlangt wird. Ich sehe sie eher als Kommentatoren, die meine Wahrnehmung von Nachrichten ergänzen und zum Nachdenken anregen.

Und ich frage mich immer wieder: ist dieses “Kleingerede” der Blogs von Seiten der Journalisten eher Angst oder Arroganz? Bisher konnte ich das für mich noch nicht beantworten.

4 Kommentare auf 'Willkommen im Gestern'

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  1. [...] Kommentare spare ich mir an dieser Stelle, bin ja schließlich kein Journalist … :) Trackback/Pingbacks (0)· [...]

  2. Kuroi Tenshi's darkness schrieb am 04.02.2006 um 04:39:

    “Den meisten Bloggern fehlt…

    ... jegliches journalistisches Handwerkszeug”

    Zu dem hier, einem ganz tollen Interview mit einem ganz tollen Menschen, der ganz toll über die ganz tollen Blogs denkt, haben sich ganz viele, total tolle Blogger-Kollegen schon super toll ausgelassen…

  3. Top culinary art schools. schrieb am 02.07.2008 um 23:07:

    Culinary art professions….

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  4. Uprima. schrieb am 19.07.2008 um 13:26:

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